Stadtbibliothek Ludwigsburg feiert 75. Geburtstag

Die Stadtbibliothek Ludwigsburg wird am 17. Juni 75 Jahre alt. Eröffnet im Jahr 1946 in einer Erdgeschosswohnung, hat sich die Stadtbibliothek in einem Dreivierteljahrhundert zu einem modernen Bildungs-, Lern- und Begegnungsort entwickelt.

Während der Corona-Pandemie war die Stadtbibliothek zwar einen Großteil der Zeit – unter Einschränkungen – geöffnet. Veranstaltungen fanden aber nur sehr vereinzelt, und wenn, dann digital statt. Zum Jubiläum veröffentlicht die Stadtbibliothek nun erstmals wieder ein gedrucktes Veranstaltungsprogramm mit vier Monaten Laufzeit. Es steht unter dem Motto „Hier öffnen sich Welten“. Es hat Bezug zum Jubiläum und nimmt gleichzeitig wieder Veranstaltungsformate auf, die längere Zeit nicht stattfinden konnten.

Aktionstag am 4. Juli

Zum 75. Geburtstag öffnet die Stadtbibliothek am 4. Juli, von 13 bis 18 Uhr zu einem Aktionstag. Um 15.30 kann die Festveranstaltung von einem kleinen Publikum im Großen Saal des Kulturzentrums, von allen anderen auf Youtube unter „Stadtbibliothek Ludwigsburg“ im Livestream und als Aufzeichnung erlebt werden.

Der bekannte Journalist und Autor Ranga Yogeshwar wird online dabei sein und die Zuhörenden auf eine Reise in die Zukunft der Bibliotheken mitnehmen. Anschließend wird Oberbürgermeister Dr. Matthias Knecht im Kulturzentrum eine Gedenktafel für Erwin Ackerknecht, den Initiator und ersten Leiter der Stadtbibliothek, enthüllen.

Für Kinder wird um 17 Uhr erstmals ein hybrides Veranstaltungsformat ausprobiert. Der mehrfach ausgezeichnete Autor Saša Stanišić schaltet sich live aus Hamburg in den Großen Saal zu, um sein erstes Kinderbuch vorzustellen. Gemeinsam mit seinem Sohn und der Illustratorin Katja Spitzer hat Saša Stanišić ein fantasievolles, rasantes Kinder-Bilder-Buch mit Taxi-Geschichten erschaffen.

Auf dem Rathaushof wird die neue mobile Maker-Zone eingeweiht und kann den ganzen Nachmittag über ausprobiert werden: Gemeinsam mit dem Projektpartner Tinkertank der Stadtbibliothek ist mit Förderung der Kulturstiftung des Bundes im Programm „hoch3“ eine mobile Medienwerkstatt entstanden. An verschiedenen Stationen kann man Malmaschinen bauen und sich mit großen ersten Schritten der Elektrotechnik nähern. Zudem wird es mit Robotern und dem Einplatinencomputer Calliope eine Einführung in das Programmieren geben, während nebenbei der 3D-Drucker arbeitet. Weitere Mitmachangebote sind vorbereitet und werden nach den Möglichkeiten der aktuellen Corona-Verordnung durchgeführt.

Die Stadtschreiberin von 2020, Ebru Nihan Celkan, wird ihren – im letzten Jahr ausgefallenen – literarischen Rundgang mit Texten, die im letzten Jahr hier entstanden sind, nachholen. Er startet jeweils um 11 und 13 Uhr auf dem Akademiehof, vorgetragen wird er in deutscher und türkischer Sprache von Irene Baumann und Caro Mendelski.

Alle am Sonntag, 4. Juli, neu angemeldeten Besucherinnen und Besucher erhalten einen kostenlosen Schnuppermonat für die Stadtbibliothek. Wer schon einen Bibliotheksausweis hat, kann diesen zu vergünstigten Sonderkonditionen verlängern lassen. Der Jahresausweis ist am Aktionstag für 12 statt für 20 Euro zu bekommen.
Wer noch keinen Bibliotheksausweis hat und gerne einmal die umfangreichen digitalen Medienangebote testen möchte, kann sich online einen ePass ausstellen lassen und einen Monat lang kostenlos testen.

Gemeinsam mit der Mörike-Buchhandlung läuft vom 17. Juni bis 17. Juli die Aktion „Schenk Deiner Bibliothek ein Buch“. Wer seiner Stadtbibliothek ein Geburtstagesgeschenk machen möchte, findet dort einen Büchertisch mit „Wunschbüchern“, die die Bibliothek gerne ihren Kundinnen und Kunden anbieten würde. Da der Erwerbungs-Etat der Stadtbibliothek aufgrund der coronabedingt schwierigen Haushaltssituation der Stadtverwaltung gekürzt werden musste, können viele wünschenswerte Werke nicht für den Bibliotheksbestand gekauft werden.

Historischer Rückblick

Die Geburtsstunde der Stadtbibliothek schlug in einer Erdgeschosswohnung in der Bahnhofstraße 35. Dort konnte am 17. Juni 1946 die Ludwigsburger Stadtbibliothek ihre Tür öffnen, gemeinsam mit der Volkshochschule.

1946 hatte Ludwigsburg 49.635 Einwohner – eine öffentliche Bibliothek war zuvor nicht vorhanden. Es brauchte den Anstoß einer im Bibliothekswesen, im Volksbildungswesen und im literarischen Leben hoch renommierten Persönlichkeit: Erwin Ackerknecht. Mit fast 65 Jahren hatte er sein Berufsleben als Direktor der Stadtbibliotheken Stettin verbracht. Im Jahr 1945 kam er nach Ludwigsburg. Bald darauf regte er beim damaligen Oberbürgermeister Dr. Karl Frank die Gründung einer städtischen Bibliothek an. Er wird noch 1945 als Kulturreferent angestellt mit den Aufgaben, eine Stadtbücherei und eine Volkshochschule einzurichten. Er veröffentlicht Aufrufe an die Bevölkerung, Bücher zu spenden, sammelt Bestände, die den Krieg unbeschadet überstanden haben und nutzt seine Kontakte zu Autoren und Verlagen, um die ersten 2.000 Bücher zusammenzubekommen. Bis 1950 wuchs der Bestand auf über 10.000 Titel.

Für die Bücherei, die Volkshochschule und das Kulturamt stand lediglich eine 200 Quadratmeter große Wohnung zur Verfügung, die zudem noch in schlechtem Zustand war. Dennoch wuchs die Zahl der eingeschriebenen Lesenden rasch, nach zwei Monaten waren es schon über 1.000. Doch vieles war veraltet, die räumliche Enge groß. So konnten die Nutzer nicht direkt an die Regale gelangen, sondern wurden vom Personal über eine Theke bedient. Obwohl 20 Pfennige Ausleihgebühr für 14 Tage verlangt werden mussten, wurden zeitweise über 40.000 Bücher im Jahr entliehen. Der Andrang in den kleinen Räumen war zeitweise so stark, dass sich Ackerknecht im März 1952 gezwungen sah, die Neuanmeldungen für Kinder und Jugendliche zu sperren.

Wie eine moderne Bibliothek aussehen kann, erlebte Ludwigsburg erstmals mit der Eröffnung der „Amerikanischen Bibliothek“ im Juni 1950. In der Reinhardtskaserne wurde ein Amerika-Haus mit gebührenfreier Bibliothek in großzügigen Räumen, freiem Zugang zu allen Beständen, einem Lesesaal und einer Kinder- und Jugendabteilung eröffnet. Ziel war es, demokratisches Gedankengut zu verbreiten und der Bevölkerung neue Perspektiven zu eröffnen. Viele Ludwigsburgerinnen und Ludwigsburger wechselten zu der neuen, attraktiveren Bibliothek.

Als das Amerika-Haus 1953 schloss, nutzte die Stadt die Chance, die komplette Amerika-Bibliothek samt Mobiliar zu übernehmen und mietete auch deren Räumlichkeiten an. Die Stadtbücherei ging also in der Amerika-Bibliothek auf.
So erhielt Ludwigsburg eine moderne öffentliche Bibliothek – die Erfolgsgeschichte begann jetzt erst richtig.

Von 1946 bis 1954 war Erwin Ackerknecht nicht nur Leiter der Stadtbibliothek und der Volkshochschule, sondern auch ehrenamtlicher Direktor des Schiller-Nationalmuseums in Marbach und Vorsitzender der Deutschen Schillergesellschaft. 1954 übergab Erwin Ackerknecht seine Ämter an die Nachfolger.

Bis zur Eröffnung des Kulturzentrums im Jahr 1969 blieb der Standort der Stadtbibliothek in der Reinhardtskaserne. 1958 wurde zur Versorgung der Stadtteile ein Bücherbus beschafft, 1966 die erste Zweigstelle im Schlösslesfeld eröffnet. 1974 und 1975 kamen durch Eingemeindung die Büchereien Neckarweihingen und Poppenweiler hinzu. 1975 wurde die Bibliothek im Bildungszentrum West eröffnet.

Immer wieder wurden die Räume im Kulturzentrum zu eng, es kam zu mehreren Erweiterungen in angrenzende Flächen. Die wichtigste Erweiterung erfolgte im Jahr 2015, als die ehemaligen Museumsräume integriert wurden.

Über 40 Millionen Medien wurden in 75 Jahren entliehen. Ungezählte Stunden der Inspiration, der Bildung, der Lesefreude sind damit verbunden.

Stadtbibliothek heute


Gemessen an der Einwohnerzahl gehört die Stadtbibliothek Ludwigsburg seit Jahrzehnten zu den erfolgreichsten Einrichtungen in Deutschland. 2019 wurden rund 380.000 Besuche und über eine Million Medienentleihungen gezählt. Statistisch leiht jeder Einwohner beziehungsweise jede Einwohnerin im Jahr 11,3 Medien aus, was für Städte ab 50.000 Einwohner der bundesweite Spitzenwert ist. Eine herausragende Rolle hat die Stadtbibliothek darüber hinaus als aktive und umfangreich vernetzte Bildungs- und Kultureinrichtung, besonders als Bildungspartnerin der Kindertagesstätten und Schulen mit breitem Leistungskatalog.

Eine Kernaufgabe der Stadtbibliothek sind die aktive Vermittlung sowie die Förderung der Informations- und Medienkompetenzen in der Bevölkerung. Die Stadtbibliothek sieht ihre Aufgabe darin, für demokratische Werte, Weltoffenheit, Vielfalt und faktenbasierte Meinungsbildung einzutreten. Die Verknüpfung neuer medialer Entwicklungen für Information und Lernen mit den bestehenden Medienangeboten ist ein zentrales Aufgabenfeld. Neben die Vermittlung von Medien tritt damit immer mehr die Vermittlung von Kompetenzen und – bei elektronischen Medien – der Kundensupport bei der Nutzung.

Ein wichtiges Zukunftsthema, an dem mit großem Einsatz gearbeitet wird, ist die  Anziehungskraft attraktiver Bibliotheksräume. Die Anforderungen an den Lern- und Kommunikationsort Bibliothek erfordern immer wieder Umgestaltungen. Wichtig ist der Stadtbibliothek auch die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an der Bibliotheksgestaltung und -entwicklung. Weiterhin einen hohen Stellenwert behält die Vermittlung von Informationskompetenzen und medialen Kompetenzen.
Herausfordernd bleibt die laufende digitale Weiterentwicklung (Ausstattung, Weiterqualifizierung, Angebote) und die Sicherung ausreichender Mittel für physische und digitale Medienangebote.